2004 14. Okt

Sagt mal, kennt ihr das auch? Jedesmal, wenn man durch die Innenstadt geht, hört man es schon von weitem. „Chakaaa-Hey-Hoooooooo Jawakka-Heeeeeeee“ – keine Frage, unsere musikalischen Indianer sind wieder unterwegs.

Ich erinnere mich noch an die Anfänge. Hilflose und irgendwie Mitleid erregende Gestalten in Mexiko-Ponchos in echt ekligen Farben dudelten auf den Instrumenten ihrer Vorfahren in den Anfängen recht rauhe und irgendwie nach mexikanischer Hochebene klingende Musik in den Äther Bonns. Irgendwie sah man vor dem geistigen Auge die dichten Nebelschwaden über diesem unwirtlichen Land, in dem von Gram und Arbeit gebeugte Gestalten Koka-kauend Lama-Kacke zum verheizen in ihren Lehmhütten suchten und danach zum Kaffepflücken geprügelt werden. Und dazu erschallten wohl auch eben diese leidvollen und geschwungenen Klänge, die man nun vernahm.

Andachtsvoll blieb man einen Augenblick stehen und ich hätte jedesmal schwören können, den leichten Geruch von Kaffee in der Nase zu haben. Sofort ist das ethische Gewissen auf Hochtouren! Die Vorfahren, vielleicht sogar Kinder dieser armen Schlucker ernten vielleicht genau den Kaffee, den ich heute morgen getrunken habe. Davon weiter genötigt, blieb man einen Moment länger stehen und tappte so in die nächste Indianer-Falle. Während man andächtig in Richtung der Band sah, fielen einem die immer größer werdenden dunklen Augen auf, die irgendwie auch immer trauriger wurden. Wie tragisch. Da sahen sie einen an und schienen zu sagen: „Please, pal, gimme a D-Mark so my life becomes a little warmer for me and maybe my children in Mechiko may get an education!“

Die letzte emotional aufwühlende Drehung des Bandleaders zu den ersterbenden Tönen des endenden Liedes gab einem dann den Rest – die D-Mark wanderte in den auf dem kalten Boden liegenden Poncho und die Indianer wärmten ihre Hände mit in der Kälte kondensierendem Atem. Einige Mitmenschen wurden sogar dazu inspiriert, eine erbärmlich unprofessionelle Kassette zu kaufen, später dann auch ab und an CDs. Irgendwie hatte das aber was authentisches und das ethische Gewissen war einigermaßen zufrieden gestellt: „Mensch, da habe ich dem armen Kerl jetzt mal was richtig Gutes getan! Der freut sich sicher, ganz sicher! Und die Kinder erst, wenn er Ihnen ein doppelt so großes Stück Brot mitbringt. Tja, so bin ich…“

Dass der Kaffeegeruch immer aus dem komischer Weise höchstens 20m entfernten Tchibo kam, fiel niemandem, zumindest nicht genügend Leuten auf. Das einzig merkwürdige war dann vielleicht, dass egal, in welche Stadt man kam, immer hätte schwören können: DER da hat doch auch in Bonn gespielt, oder?! – Die Indianer begannen damals eine Expansion, die sich noch heute fortsetzt.

Das Bild hat sich grundlegend gewandelt und heute gehe ich durch die Bayreuhter City und wen sehe ich? Mensch, DER hat doch auch immer in Bonn gespielt. Oder? Aber was ist das? Die Indianer sind zu acht oder neunt unterwegs, sie sehen fröhlich und erholt aus und sie wechseln ihre aufwändigen Indianer-Verkleidungen zu jedem Lied. Irgendwie sehen die aber gar nicht mehr nach Mexiko aus, eher wie aus Bad Segeberg entlaufene Statisten der „Winnetou“-Gruppe. Einer ist mittlerweile sogar ganz dafür abgestellt, mit einem riesigen Strohhut herumzugehen – um Geld einzusammeln oder die darin liegenden CDs zu verkaufen. Ein anderer bedient das 92-Kanal-Mischpult und den Effektregler zwei Meter im Hintergrund und ist wohl auch für den reibungslosen Betrieb des Dieselgenerators zuständig, der die aufwändige Soundanlage mit Strom versorgt. Irgendwie muten die fünf Mikrofone merkwürdig an, auf denen die Indianer sich zu ihren -immer noch genauso geschwollenen und traurigen- Harmonien leidenschaftlich verbiegen. Ann-Sophie-Mutter ist dagegen eine steife Stute. Der Tourbus ist wahrscheinlich wohlweislich um die nächste Ecke abgestellt worden, denn ein dicker Chrysler Cherokee -total authentisch natürlich- wäre vielleicht etwas zu verdächtig. Ich bin mir nicht sicher, ob die Menschentraube aus Mitleid um die Gruppe herum steht: entweder die Show ist echt gut oder das sind in Wirklichkeit alles Geschäftsbesitzer, die sich fragen, wieviel sie wohl löhnen müssen, damit diese akustische Tortur für sie ein Ende haben kann – für heute.

Hat sich eigentlich mal jemand gefragt, ob Indianer in Mexiko eigentlich auf ihren ausgehöhlten Steinen mehr als drei verschiedene Töne erzeugen konnten? Ob man auf Fäden, deren Spannung man mit den Knien oder einem Stock verändert, ein Lied spielen kann? Oder ob es in ganz Amerika überhaupt tonal harmonische Musik vor Christoph Kolumbus gegeben hat?! Ob jemand diese Musik wirklich hören will oder ob der Absatz der CDs eigentlich der globalen Wellness-Meditations-Welle zuzuschreiben ist?

Mein Vorschlag: die Jungs sollten Indianer-Rächerstäbchen und Indianer-Yoga-Bücher verkaufen ohne diese akustischen Verkaufsförderungsmaßnahmen weiterzuführen – damit wäre allen geholfen 🙂

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