2009 04. Mai

Man muss ja immer das „big picture“ im Blick behalten, aber leider fallen den meisten Menschen immer nur Singularitäten auf, also punktuelle Ereignisse, die dann nicht in einen weiteren Kontext gesetzt werden, weil andere, damit zusammenhängende Ereignisse, schon lange her sind, kein besonders hohes Interesse erzeugen oder schlicht und einfach im Wust der Informationen übersehen werden.

Ich hatte ja in jüngster Vergangenheit am Beispiel des Themas „Sperrung von (angeblichen) Kinderporno-Webseiten“ dargelegt, was da technisch und kulturell auf uns zukommen könnte.

In Frankreich ist man da schon einen Schritt weiter: ein junger Mann wurde dort festgenommen (!), weil er eine SMS verschickte mit dem Inhalt

Hast du eine Idee, wie man einen Zug zum Entgleisen bringen kann?

Hört sich nicht spektakulär an? Klar. Ist ja auch komisch, so eine SMS. Genau wie alle Webseiten auf der geheimen Liste des BKA ganz sicher Pädophilen-Webseiten sein würden und wie alle „Killerspieler“ von ihren unmittelbar bevorstehenden Amokläufen abgehalten werden müssen.

Was mir langsam Sorgen macht, ist die Tatsache, dass so etwas in Mitteleuropa, der Wiege der modernen Demokratie (wir erinnern uns, 1789, Bastille und so weiter – Frankreich!) ganz offen kommuniziert werden kann, ohne dass sich Widerstand regt! Politiker, Exekutive und Judikative müssen sich nichtmal mehr rechtfertigen für solche Vorgänge, es wird nichts in geheimen Zirkeln beschlossen und kommt durch Saboteure kritische Denker ans Licht, sondern es passiert vor unser aller Augen und Ohren, ganz hochoffiziell.

Offensichtlich reichen ein paar Terroristen, Amokläufer und Kinderschänder aus, um nicht nur ein Nation, sondern den gesamten abendländischen Kulturkreis in eine völlig neue Dimension der Kontrolle zu überführen.

Wenn der alte George das gewusst hätte, wäre sein Buch „1984“ nur halb so dick geworden: wofür einen Krieg inszenieren, um die Notwendigkeit solcher Systemänderungen zu rechtfertigen, wenn es auch viel, viel einfacher geht, nämlich einfach so.

PS: Nur am Rande sei darauf hingewiesen, dass schon seit geraumer Zeit erhebliche Fortschritte dabei gemacht werden, mittels verschiedener Techniken „Gedanken zu lesen„. Momentan steckt das noch in den Kinderschuhen, ist relativ ungenau und hauptsächlich für das Marketing von Interesse. Aber dass natürlich insbesondere das Militär daran forscht, das macht es nicht Vertrauen erweckender. Und dass es auf absehbare Zeit immer mit massiven Unsicherheiten behaftet sein wird, Gedanken auch korrekt zu „erfassen“ bzw. zu interpretieren, das bedeutet gar nichts. Andere Geräte mit den selben Einschränkungen entscheiden seit über 70 Jahren über Schuld und Unschuld.

Sorry, ich schweife ab, ist ja nur eine völlig spinnerte Horrorvision :/

2009 30. Apr

Eins schöner, aber leider kurzer Artikel in der ZEIT beschreibt das Dilemma der Diskussion rund um die Anpassungserfordernisse beim Urheberrecht: Open Access, Pirate Bay, Napster, alle hängen sie da mit dran.

Um es kurz zu fassen: das eine Lager argumentiert mit den armen Künstlern, die ihrer Lebensgrundlage beraubt werden. Die andere Seite führt die Informationsfreiheit an. Beide Seiten argumentieren mitunter sehr schwammig, wenn es um die Untermauerung ihrer Position geht.

Der Kern der Sache ist aber sehr einfach: es geht um die Tatsache, dass eine neue Technologie eine etablierte Wertschöpfungskette zerschossen hat. Die Stufe „Publizist“ wird einfach und zu null Kosten übersprungen, das kann heute jeder selbst und tut es auch zunehmend. Jetzt geht es um die Frage, ob man aus wirtschaftlichem oder gesellschaftlichen Interesse die alte Wertschöpfungskette zu zementieren versucht (Position der Rechteverwerter) oder ob man die nicht mehr zwingend notwendigen Teile abschafft oder wenigstens optional macht (Position der Netzgemeinde). Dieser Verteilungskonflikt ist nur deswegen so brisant, weil sich im Laufe der Zeit viele Institutionen gebildet haben, die wirtschaftlich von der alten Wertschöpfungskette abhängig sind bzw. deren Anspruch auf ihren Platz in der Wertschöpfungskette sogar gesetzlich verankert wurde (GEZ).

Meine Meinung dazu: als Autos erschwinglich wurden, hat da jemand die Pferdezüchter und Kutschenhersteller unterstützt? Haben sich Pferdekutschen durchgesetzt oder Autos? Pferdekutschen gibt es bis heute, in einem Nischenmarkt, der aber nicht unattraktiv ist. Jeder der so ein Teil mal für eine Hochzeit buchen wollte, weiß warum.

Ich denke es geht beides: Verwerter und Publizisten werden immer nötig sein, weil nicht jeder Content-Produzent auch z.B. High-End-Marketing betreiben kann, das für Premium Produkte hilfreich bis notwendig ist. Aber das darf man nicht zementieren, denn das ginge zu Lasten der Vielfalt und auch von Nischen, die sich dann gar nicht bilden.

Ist aber auch egal, denn das Internet ist eine technologische Evolution. Und gegen die Evolution kann man sich langfristig nicht stemmen.

Ähnliche Beiträge

2008 25. Mrz

Wenn’s mal etwas schneller gehen oder besonders gründlich sein muss mit dem Löschen einer Festplatte oder sonstigen magnetischen Speichermedien: Dauermagnete helfen weiter 😀

Zu kaufen beim Magnetportal.

2007 01. Aug

Du bist dagegen, dass in Zukunft verdachtsunabhängig jegliche Telekommunikationsdaten für ein halbes Jahr lang gespeichert werden müssen? Ein Überwachungsstaat a la Schäuble 2.0 gefällt dir nicht ganz so gut, wie den in Berlin von uns bezahlten, aber nicht so ganz in unserem Sinne arbeitenden anwesenden sich herumtreibenden Politikern?!

Heul‘ nicht, tu etwas! L’état, c’est toi!

Weiterführende Links zum Thema

Seiten: Neuere 1 2
  • Artikel
  • Twitter
  • Tumblr