2006 13. Okt

Menschen machen Fehler und das auf verschiedenen Ebenen. Normalerweise besteht ein gewisser Konsens zwischen a) “nicht richtig”, b) “falsch” und c) “kriminell”. Das entspräche beispielhaft dem in etwa dem Verhältnis von a) “zu schnell fahren”, b) “Schwarzfahren in der Straßenbahn” und c) “Diebstahl, Raub, Gewaltdelikt” etc.pp.

Im Großen und Ganzen ist dieses Verhältnis im Gesetz durch die Trennung von Zivil- und Strafrecht sowie innerhalb dieser durch verschiedene Strafmaße abgebildet.

In bestimmten Bereichen gibt es allerdings die Möglichkeit, mangelhafte Definitionen und lückenhafte Gesetzesregelungen so auszunutzen, dass das Verhältnis von Aktion (Fehlverhalten) und Reaktion (Strafmaß) entweder im krassen Mißverhältnis steht oder -noch schlimmer- dass zwar der Gesetzgeber keine Strafe verhängt, aber einer bestimmten Gruppe von Mitbürgern (aka “Rechtsanwälten”) erlaubt, kostenpflichtig auf das Fehlverhalten hinzuweisen. Das nennt man dann Abmahnung.

Das Dumme an der Sache: in Zeiten des digitalen Content wird man als Blogger von einer zunehmenden Zahl interaktiver Dienste dazu verleitet, fremden Content in die eigene Seite einzubinden. Meist ist dabei zwischen urheberrechtlich geschütztem Material und nicht geschütztem Material kaum zu unterscheiden. Zudem wird die Einbindung des Content in die eigene Seite nicht nur erleichtert, sondern explizit erwünscht und ist Teil des Geschäftsmodells entsprechender Dienste.

Ich will an dieser Stelle nicht diskutieren, wer und warum genau die Verantwortung für diese Vorkommnisse trägt, tragen sollte und ob die Verhältnisse von Vergehen und Kosten (eine Strafe erfolgt ja nicht!) berechtigt sind. Ich gehe einen Schritt weiter und denke über Konsequenzen nach. Wir sind ja keine Lemminge, die zur Immobilität verdammt wären: in einer zunehmend globalisierten Welt hat man eben auch seine Spielräume und auf die weise ich hiermit hin.

Was lässt sich also unternehmen gegen Abmahnungen und Co? Here we go:

  1. Der korrekte Staatsbürger
    Anlesen rudimentärer juristischer Kenntnisse (aka “Jurastudium”), mit Hilfe derer man einschätzen kann, was unter welchen Umständen und mit welchen Konsequenzen erlaubt ist. Strikte Kontrolle der eigenen Inhalte, keinerlei Impulsivität, keine Ausnahmen. Raum für spontane Posts mit entsprechendem Inhalt: gering. Kosten: Studiengebühren für ca. 10 Semester, entsprechend viel Lebenszeit, Spaß an Freunden die nur in § reden, danach (hoffentlich) nichts mehr.

    Der korrekte Staatsbürger schließt sich darüber hinaus einem gemeinnützigen Verein an, der es sich zum Ziel setzt, die Masse der Bürger über den Umgang mit dem Medium aufzuklären und gleichzeitig an die Berufsahnungslosen Politiker heranzutreten um seiner Sache Gehör zu verschaffen. Gegebenenfalls werden Härtefälle finanziell begrenzt unterstützt, dieses Ansinnen kommt jedoch aufgrund der zunehmenden Zahl von Härtefällen zum erliegen und führt letztlich nur dazu, dass beide Seiten genau das Falsche tun: die einen wiegen sich in trügerischer Sicherheit, die anderen erkennen eine gruppenfinanzierte Einnahmequelle und steigern ihre Bemühungen noch. Kosten: 50 Jahre Lebenszeit, Hoffnung auf ein Wunder das Eintreten von Politikern für Bürger statt Lobbyisten.

  2. Der Zocker
    Man urteilt nach gesundem Menschenverstand (und ist damit fast schon verloren). Zwar ist man ein Flickr-Bild hier und ein YouTube Video dort nicht ganz auf der sicheren Seite, aber entweder man schwelgt im Segen des Nichtwissens oder nimmt dieses Restrisiko hin. Ich denke in dieser Kategorie bewegen sich die meisten von uns, ob sie nun wollen oder nicht. Kosten: bis zu mehreren tausend Euronen.
  3. Der Vorsichtige
    Lädt sich eine Software wie Torpark herunter, die anonymes Surfen ermöglicht. Unter Benutztung dieser Software registriert man eine E-Mail-Adresse bei einem der einschlägigen kostenlosen Webmailer. Dann wendet man sich einem beliebigen Blogservice zu (1, 2, 3, 4, 5) und registriert dort ein Blog. Dieses speist man dann immer (!) unter Verwendung der Anonymisierungs-Software und verzichtet auf Inhalte, die Schlüsse auf die eigene Person zulassen. Gleichzeitig ruft man die besagte Mailadresse ebenfalls nur anonymisert ab. Kosten: 0,00 EUR und etwas Gehirnschmalz, um immer daran zu denken.

    PS: Andere haben sich auch schon Gedanken über anonymes bloggen gemacht und unter anderem diesen hilfreichen Guide verfasst.

  4. Independent Lord of Meinungsfreiheit
    Keine halben Sachen. Der ILoM will volle technsiche Kontrolle bei maximaler Meinungsfreiheit. Schmalspurlösungen wie Bloganbieter mit ihren begrenzten Anpassungsmöglichkeiten kommen daher nicht in Frage, ein eigener Server muss her. Wenn man das vor hat, dann ist “Offshore Hosting” das richtige Stichwort. Verständnisprobleme anyone? OK. Also, es gibt Länder, wie z.B. Vanuatu, die haben Gesetzbücher, die dünner als ein durchschnittliches Reclam-Heftchen sind. Für Urheberrecht, Auslieferungsrecht etc. ist da wenig Platz drin, weil erstmal die wichtigen Dinge geregelt werden müssen. Damit machen diese Länder richtig Geld, weil jede Menge zwielichtiges Gesocks dort seine Server hinstellt, man denke nur an die Pornoindustrie, Online-Gambling-Anbieter und so weiter, eben alle die, die aus welchen Gründen auch immer woanders Probleme bekommen könnten.

    Ergo: man mietet dort einen Server, der technisch zwar identifiziert werden kann aber mehr auch nicht. Der Serverbetreiber ist in diesen Ländern anonym und es gibt keine Gesetze, die irgendwen aus irgendeinem Grund dazu befugen, das zu ermitteln. An die Regierung von Vanuatu wird kein noch so abmahnwütiger europäischer oder US-amerikanischer Anwalt einen Brief schicken, weil schon das Porto wegen der nicht vorhandenen Erfolgsaussicht Verschwendung wäre. Da man nach wie vor in Deutschland sitzt, unterliegt man natürlich nach wie vor deutschem Recht – nur nützt das unseren lieben Abmahn-Freunden nichts, wenn sie nicht beweisen können, wer einen bestimmten Server oder eine Seite betreibt. Kosten: ab 14,95$ im Monat oder 19,95$ für einen Reseller-Account, den man auch mit mehreren Personen und Domains nutzen kann.

Eigentlich überlege ich gerade nur noch, ob ich nun Vorschlag drei oder vier umsetzen soll. Es geht mir nicht darum, irgendwelche wirklich illegalen Inhalte veröffentlichen zu können. Aber ich habe nunmal keine Lust, wegen irgendwelcher Flickr-Bildchen mit horrenden Kosten belegt zu werden. Basta.

Wie auch immer man entscheidet: zusätzlich sollte man sich noch in einem (deutschen ;) ) Verein o.ä. engagieren, um der gesellschaftlichen Verantwortung gerecht zu werden und wenigstens langfristig für Besserung zu sorgen. Das meine ich durchaus ernst und werde es entsprechend umsetzen.

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Ähnliche Beiträge

2006 04. Okt

Es gibt Fälle von Abmahnungen, bei denen kann man sich darüber streiten, ob und inwieweit die Abmahnung berechtigt ist.

Und es gibt Fälle, da fällt einem nichts mehr zu ein. Man stelle sich vor: jemand stellt vorsätzlich ein Bild bei einem Dienst wie Flickr ein, wartet darauf, bis jemand mit einer vom System vorgefertigten Funktion (“Blog this!”) darauf in seinem Blog verweist und mahnt dann ab. Nicht einmal, sondern zweimal. Einmal für den Rechteinhaber des Bildes, ein weiteres Mal für die in ihren Persönlichkeitsrechten arg beschnittenen abgebildeten Personen.

Hallo? Gehts noch? Ich meine, wie wahrscheinlich ist es, dass einer von drei Betroffenen ein bei Flickr veröffentlichtes Bild in einem kleineren Blog wiederfindet und dann dagegen vorgeht?! Da steckt doch System dahinter.

Mir langt es jetzt. Ich spende. Das erste Mal, aber es wird öfters werden. Jedem, den ein solches Vorgehen ebenfalls nervt, würde ich an dieser Stelle auch um eine Spende bitten. Der Kontakt ist in diesem Post von Mario genannt.

Was mir insgesamt sehr auf den Zeiger geht: wir kurieren hier Symptome, d.h. auch wenn wir spenden: das Geld bekommen diese Rechtsverdreher, sie haben ihr Ziel erreicht! Ich würde auch bzw. insbesondere für eine Grundsatzklage spenden, die mal klärt, inwieweit ich Urheberrechte geltend machen kann, die ich allein dadurch mehr oder weniger aufgebe, dass ich meinen Mist mit sowas wie Flickr oder YouTube ungelenkt in die Welt blase.

Wer sowas vorhat oder macht: immer melden, ich bin dabei!

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2006 06. Sep

Hier hatte ich neulich über das Problem von Medien und Bloggern geschrieben. Kurz gefasst: Blogs geben mittlerweile häufig Trend & Ton an, liefern den Contentlutschern von den Massenmedien damit Steilvorlagen, riskieren durch einen solchen “PR-Erfolg” jedoch häufig ihre Glaubwürdigkeit als Blogger.

Ein Paradebeispiel findet sich heute wieder mal im SPON. Die Story in Kürze:

Dieb klaut Handy, schießt Fotos. Fotos werden automatisch hochgeladen ins Blog / Flickr des Eigentümers, die Sache macht die Runde, die Medien lutschen wieder heftigst mit großen “PIs” in den Augen und dann das:

Zum Problem gerät Clemens jetzt ausgerechnet sein Arbeitgeber. Nachdem seine Geschichte ihre Web-Kreise gezogen hatte, wurde schnell klar, dass der Bestohlene für Yahoo arbeitet – und das macht ihn verdächtig. Yahoo hat letztes Jahr für einen zweistelligen Millionenbetrag Flickr gekauft.
Quelle: SPON

Ich wollte es ja nur nochmal gesagt haben :D Ist im übrigen ja auch klar, dass man nochmal auf das entsprechende Blog verlinkt, um die Welle noch ein bisschen zu pushen.

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2006 21. Aug

Sie bezeichnen sich als Blogger. Anders als die Millionen von namenlosen Freizeitautoren, deren ungestillter Mitteilungsdrang sich auf tagebuchartige Beobachtungen beschränkt, sind sie geschickte Agitprop-Künstler und Nachrichtendienstler, die im Massenmedium Internet eine enorme Breitenwirkung entfalten.
Quelle: FAZ

Aha. Blogger sind also nicht-namenlose Freizeitautoren, sondern geschickte Nachrichtendienstler, die eine enorme Bandbreitenwirkung entfalten?! Soso. Warum produzieren Massenmedien nur Stuss, wenn es um Blogs und “Web 2.0″ geht? Ganz einfach, weil sie sich nicht auskennen, de nihilo nihil. Sie können sich gerade mal durch Google klicken und n verschiedene Meinungen zu einer (ihrer eigenen) vermengen. Wenn sie wüssten, was Blogs ausmacht, dann käme da nicht so ein Quark raus.

1) Blogger SIND genau diese namenlosen Schreiberlinge.
Klar, dass die Journallie sich bedroht fühlt und sie ständig als selbstdarstellungsgeile Niemande darstellt. Liebe Journalisten, Blogger sind die Masse, eine Art Kollektiv, falls euch das was sagt. Genau daraus entsteht ihre Unberechenbarkeit ebenso wie ihre “Macht”. Bei Jens Scholz ist dieser kollektive Charakter schön auf den Punkt gebracht mit einem Button auf der rechten Seite. (LINK)

2) Blogger sind deswegen unberechenbar, weil eben NICHT prognostiziert werden kann, welches Thema sie als nächstes angehen und in die Breite tragen.
Ebenso wenig kann gesagt werden, auf welche neuen Quellen Blogger zugreifen können und werden. Generell besteht die Blogosphäre aus einem Grundrauschen und Peaks. Das Grundrauschen sind die zahllosen “tagebuchartige Beobachtungen”, die Peaks sind Themen von besonderem Interesse, die von anderen Blogs aufgegriffen, teils wiederholt, aber auch ergänzt werden und damit die “enorme Bandbreitenwirkung” entfalten. Je mehr Blogs ein bestimmtes Thema aufgreifen und weiterverarbeiten, desto eher wird daraus der mediale Tsunami, vor dem ihr euch so fürchtet.

Das Grundrauschen ist also notwendig, um eine Quelle zu haben, aus der in einem darwinistischen Prozess bestimmte Themen selektiert und durch Vervielfältigung und Ergänzung Peaks erzeugt werden.

3) Der komparative Konkurrenzvorteil der Blogger ist der, dass sie sich untereinander tendenziell stärker vertrauen als euch, liebe Massenmedien.
Großer Erfolg einzelner Blogger mündet oft in Vertrauensverlust der Community, da diese exponierten Blogger mittlerweile erfolgreich von Unternehmen und den Massenmedien -also euch- abgeworben werden. Damit verlieren sie einen Großteil ihrer Reputation, die “Street Credibility” sozusagen.

Der größte Witz an der Sache: ihr Massenmedien bastelt fleissig mit an den Tsunamis, weil euch die Ideen ausgehen und das “Grundrauschen” der Blogs eine tolle Quelle bietet.
Ihr sollt ja Leser generieren durch hippe, neue, einzigartige Themen. Ihr wartet also auf Peaks, die sich aus dem grundrauschen abzuzeichnen beginnen und dann…ZAPP…landen die ersten Artikel bei euch in den Massenmedien. Wahrscheinlich feiert ihr euch für eure immense Kreativität, aber letztlich schreibt ihr nur ab. Google deutet es mit dem Trefferrang schon an. Ihr mutiert langsam zu Technorati-Lutschern. Traurig, aber wahr.

Was sagt uns das über Blogger im Allgemeinen und den Helden Bob Adams?
Richtig, der nächste Bob Adams kommt bestimmt, wird aber anders heißen. Der Typ wird zurückkehren ins Grundrauschen und nie wiederkommen. Er weiß das, ihr nicht. Vielleicht seid ihr so dämlich, den Mann einzustellen, um eure traurigen Blog-Mitläuferversuche zu pushen. Es wird nicht klappen, er ist dann einer von euch und wird nicht mehr beachtet werden. Man erkennt: Peaks sind gefährlich für ihre Protagonisten. Wer clever ist, kehrt ins Grundrauschen zurück, bleibt unabhängig und wird es u.U. trotzdem schwer haben, das glaubhaft zu machen.

Übrigens: wenn 5.000 Views bei YouTube für euch eine “enorme Bandbreitenwirkung” darstellen, dann steht ihr in eurem verzweifelten Kampf um Beachtung anscheinend noch schlechter da, als angenommen. Schaut euch mal das hier an, sogar Rentner bekommen mittlerweile mehr Aufmerksamkeit als ihr.

Schon deprimierend, festzustellen, dass Blogger immer häufiger die besseren Journalisten UND Trendsetter sind, oder?!

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