Reallife: Lehman Brothers und die Konsequenzen
Im Moment ist ja Lehman in aller Munde, deren Kollaps hat im Moment Jahrestag glaube ich. Supi. Man gibt es dieser Tage ja ungern zu, aber ich habe seinerzeit Bankkaufmann gelernt. 1998-2001, also noch nicht so lange her, zudem genau während “Rise and Burst of the Dotcom-Bubble”.
Damals war ich von den diversen Möglichkeiten, sein Geld anzulegen erst fasziniert, dann euphorisiert. Obwohl ich mich eigentlich mit dem langweiligen deutschen Gironetz-System und dem Privatkredit-Bogen meiner Bank beschäftigen sollte, fuchste ich mich viel lieber und mit Begeisterung erst in Aktien und Bonds, dann in Optionsscheine, Terminkontrakte und später in Zertifikate ein. Das Ganze zu einer Zeit, in der man noch zwingend die “Große Kreditausbildung” brauchte, um Filialleiter werden zu können. “Wertpapierberater” waren damals noch eher diese “neumodischen Newcomer”.
Wir selbst, also die Azubis, wurden neben den ausgelernten Kollegen auch aktiv. Wir zeichneten alles, was uns in die Hände kam und Hand aufs Herz: wir hatten keine Ahnung, was die Unternehmen genau machten, keine Ahnung von den Finanzkennzahlen im Einzelfall. Aixtron? Klar, zeichnen, irgendwas mit Technik. Balda, Brokat, EM.TV…immer her damit. Es funktionierte ja auch jedes Mal besser. Wir fühlten uns zeitweise wie die Könige. Einige Azubi-Gelage damals waren für jeden so kostspielig wie 2/3 eines normalen Azubi-Monatsgehalts. Verantwortungsvoller Weise hatte uns unser Arbeitgeber auch mit für unsere Einkommensverhältnisse irrwitzigen Dispo-Kreditlinien zu rund 5% (Mitarbeiterkondition) versorgt, das machte einige von uns schon echt völlig bescheuert waghalsig.
Damals fragte ich mich immer, warum so wenige der älteren Kunden nicht nur keine Aktien kauften, sondern auch allen anderen Möglichkeiten gegenüber völlig verschlossen waren. Die wollten nur ihr “erst-3,5%-später-2,5%-letztlich-noch-1,5%-Sparbuch” und die ganz Risikofreudigen hatten eine Anleihe von BMW oder Siemens. Bei Aktien und allem Anderen sowieso winkten sie immer freundlich ab. Bis zu den Mittvierzigern haben wir sie ’99, 2000 zunehmend bekommen, genau genommen rannten sie uns irgendwann die Bude ein, spätestens mit der 3.Tranche Telekom zu 65 EUR glaube ich oder DM (die wurden dann genau in den “Knick” emittiert), aber die Kunden 60+ waren eine kohortenmäßige no-go-area. Was habe ich mich damals gewundert über diese seltsamen Verrückten, die sehenden Auges diese tollen Chancen einfach so verstreichen ließen. Ich habe mir das immer mit “dem Krieg” erklärt und der Inflation und dann der Währungsreform, gepaart mit Hunger und Existenzkampf.
Tja und heute mache ich es genauso wie diese wundersamen Menschen damals. Mein risikoreichstes Engagement zur Zeit ist eine Lebensversicherung beim Marktführer. Alles andere ist Tagesgeldkonto oder Bundesobligation. Wenn ich da nämlich nicht mehr rankomme, dann haben wir hier ganz andere Probleme als ein paar EUR. Gut, zwischendurch nochmal hier und da ein winziger Zock mit Knock-Out-Zertifikaten (immer short
), aber das sind Peanuts. Und ich werde das nicht ändern in den nächsten 20 Jahren. Aktien werde ich nur von Unternehmen kaufen, von denen ich ganz genau weiß, was sie machen, wie die Historie aussieht, wer die Shareholder sind und wie das Marktumfeld in etwa aussieht. Und damit gehöre ich mittlerweile noch zu den “risikofreudigen Spinnern”.
Sie haben eine ganze Generation verloren. Wenn ich alt bin wird es wahrscheinlich wieder so weit sein, dass mir so ein Youngster gegenüber sitzt und “wasweißich” verkaufen will – und ich werde lächeln und dankend ablehnen. Wenn es unser Banken- und Finanzsystem dann in dieser Form überhaupt noch gibt.


