2011 17. Apr

Nespresso Club: Direktmarketing-Extremismus

Vor einem Jahr haben wir uns eine Nespresso-Kaffeemaschine gekauft. In erster Linie, weil es in einem DINK-Haushalt mit begrenztem Zeitbudget einfach mal extrem entspannt ist, mit einer Kapsel und einem Glas innerhalb 15 Sekunden einen recht leckeren Espresso zu zapfen. Ach ja, und der Milchaufschäumer ist weltklasse.

Was nicht ganz so weltklasse ist, ist das Direktmarketing von Nespresso. Die Kommunikation ist echt auf maximale Kontaktfrequenz ausgerichtet, bei einer inhaltlichen Gestaltung, die vermuten lässt, dass es sich bei den Kunden entweder mehrheitlich um fanatische Baristas oder um besessene Frührentner und Witwen aus den Villenvierteln der Welt handelt.

Bei uns fing es damit an, dass wir unsere Nespresso-Maschine registrieren lassen mussten, um überhaupt Kapseln bestellen zu können – neben der Tatsache dass ich bis auf die Lieblingsfarbe meiner Unterhosen (welche natürlich Pink ist) so ziemlich alles niederschreiben musste, was man so fragen kann. Daraufhin erhielt man seitenlange Willkommensschreiben mit derart euphorischem Unterton, dass ich davon ausgehe, dass die Texter mit Koka-Kaffeekapseln versorgt werden (die ich im Sortiment leider noch nicht gefunden habe). Ganz zu schweigen von dutzenden Erinnerungsaufklebern, Mini-Aktenordnern für Bestellungen sowie gefühlt wöchtenlichen, briefschriftlichen Vorstellungen der Produkte, deren blumige Formulierung von Mal zu Mal zunimmt. Man erinnert uns sogar daran, (per separatem Brief selbstredend), unsere Maschine entkalken zu lassen. Irgendwie habe ich Angst, dass bald fanatische Nespresso-Marketer bei mir vor der Tür stehen und mir in Ponchos auf kolumbianischen Instrumenten das neue Sortiment vorsingen. Die kann ich dann leider nicht mehr einfach in die Tonne neben der Tür entsorgen.

Dabei ist die Erlesenheit der verwendeten Materialien (Papier gerne Bütten-Imitat mit Struktur, Stärke >100g/m²) derart beeindruckend, dass ich mich jedes Mal voller Scham frage, ob man das Geld nicht lieber verwendet hätte, um endlich die Arbeits- und Lebensbedingungen der Menschen und Kinder zu verbessern, die unter extrem unwürdigen Umständen dafür sorgen, dass unsere blöden Alukapseln immer randvoll sind – ein Unterfangen, an dem Nestlé wie auch alle anderen Hersteller meines Wissens bisher kläglich gescheitert sind (2).

Liebes Nespresso-Club-Marketing-Team,

auch bei eurer Zielgruppe ist mehr und mehr Corporate Responsibility angesagt. Grün sein, Ethik-Codizes befolgen, Nachhaltigkeit, Öko, sozialer Ausgleich und so. Macht da doch einfach mal mit! Ja, ich trinke gerne euren Kaffee aber nein, ob ihr mir nun „Tag für Tag ultimative Genusserlebnisse“ versprecht oder eure „Grands Crus weiterhin in Form der einzigartigen Mischungen von Spitzenkaffees zur Verfügung stellt„, es wird keine Tasse mehr und nein, ich werde auch nicht zum Orgasmus kommen, wenn ich diese Zeilen lese! (Obwohl: bei der „charakteristischen Note weißer Blüten„…) Und nicht jedes Anschreiben muss so hochwertig sein, als handele es sich um eine Einladung zur Hochzeit von William und Kate.

Besser würde ich mich fühlen, wenn ihr mir 2x im jahr irgendwas auf Umweltpapier schicken würdet auf dem steht, dass ihr 1-2% eures EBIT in den Aufbau von Schulen in Guatemala gesteckt habt. Und wenn dann noch ein Flyer mit neuen Kapseln dabei ist, bin ich auch nicht böse.

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