Medien und Wissenschaft
Heute: Atomreaktoren verursachen Krebs oder so.
Das Atomgespenst wird wieder ausgepackt: in mehreren “renommierten” Publikationen fand sich vor einigen Tagen die Nachricht, dass “eine Studie” zu Tage gefördert hat, dass Kinder in der Nähe von Atomkraftwerken häufiger an Leukämie erkranken. Das ist ein bisschen wie “amerikanische Wissenschaftler haben herausgefunden, dass…”. Die erste ansatzweise kritische Betrachtung weit später von der ZEIT.
Die zentralen Ergebnisse in Kürze:
Das Ergebnis: Je näher die Kinder am Reaktor aufgewachsen waren, desto höher lag demnach ihr Risiko, an Krebs zu erkranken – und umgekehrt. So seien im Fünf-Kilometer-Umkreis der Reaktoren insgesamt 37 Kinder neu an Leukämie erkrankt, obwohl im statistischen Durchschnitt nur 17 Fälle zu erwarten gewesen wären.
Eine Erklärung für die auffällig vielen Erkrankungen kann die Studie dem Bericht zufolge aber nicht geben. Die Strahlenmenge in unmittelbarer Nähe von Kernkraftwerken reicht aus Sicht von Ärzten bei weitem nicht aus, um vermehrte Krebserkrankungen auszulösen – andere Erklärungen hätten jedoch auch nicht gefunden werden können.
Tja, wenn bloß Journalisten eine vernünftige wissenschaftliche Ausbildung erhalten würden, denn allein diese wenig detaillierten Interpretationen sind sowas von angreifbar, ohne den Kernbefund zu verändern.
Interessant wäre es, einen “Fake-Atommeiler” aufzustellen. Also einen ohne Reaktor, nur dass das niemand weiß. Vielleicht hätte das einen ähnlichen Effekt auf Erkrankungen und Befindlichkeiten, wie das bei Handy-Sendemasten der Fall war: hier klagten Probanden z.B. über typische “Elektrosmog-Symptome”, obwohl die entsprechenden Masten nie in Betrieb waren [1]. Jetzt kann man natürlich argumentieren, dass Kinder davon noch nicht beeinflusst werden, schon gar nicht im ersten bis fünften Lebensjahr.
Aber mal nur ein simpler alternativer Erklärungsversuch: wer wohnt schon gerne in der Nähe eines AKW? Genau, niemand, denn man kann ja nie wissen und außerdem sieht’s scheisse aus. Was sagt uns das über die Preise in der Nähe von AKWs? Richtig, die dürften signifikant niedriger sein, als in vergleichbaren Lagen. Für NRW gibt es die Bodenrichtwerte online und kostenlos. Also schauen wir uns doch mal die Umgebung von Mülheim-Kärlich an [Boris].
Und was sehen wir? Richtig, vergleichsweise niedrige Bodenrichtwerte. Wer zieht dahin, wo es billig ist? Genau, Leute ohne Geld. Und was machen Leute ohne Geld sonst noch? Nicht viel und dazu gehört auch “nicht lang leben” [mehr Details: hier, speziell bei Kindern: hier und wem das noch nicht genug ist hier].
Wir halten also fest: es ist zumindest wahrscheinlich, dass in der unmittelbaren Nähe von AKWs eher viele Menschen unterdurchschnittlich gut verdienen (gebildet sind) und dass diese Tatsache aufgrund von Faktoren wie Ernährung, Prophylaxe u.a. dazu führt, dass die Lebenserwartung geringer ist. Warum sollten solche oder ähnliche Faktoren nicht auch zu einer höheren Wahrscheinlichkeit für schwere Krankheiten wie Leukämie führen? Hat den Zusammenhang mal jemand untersucht?
Bevor also so eine Aussage getroffen wird, sollte man vielleicht erstmal das Oberstübchen einschalten. Aber das ist irgendwie zunehmend out in unseren medialen Legebatterien.


