2007 03. Okt

Maddie und die Massen(medien)


Oder: “Die Geister, die sie riefen.”

Der nicht ganz widerspruchsfreie Fall Maddie (Chronologie 2) beschäftigt weiterhin die Gemüter. Obwohl ich der ganzen Sache, insbesondere der erstmals systematisch geplanten Einbeziehung der Medien, eher skeptisch gegenüber stehe und der Sache daher ganz bewusst so wenig Aufmerksamkeit wie möglich schenken wollte, finde ich einige Aspekte bemerkenswert.

Leider berichten die Medien immer nur über konkrete Neuigkeiten, aber nie auf einer Meta-Ebene über das System, welches der ganzen Sache hinterliegt, und dessen Chancen und Risiken in Bezug auf die Zukunft. Genau das Richtige für einen Blog-Post und einen “Tag der deutschen Einheit”, oder?! :D

1) War den Eltern von Maddie eigentlich klar, auf was Sie sich da mit den Medien einlassen?
Prinzipiell ist die Idee, die Massenmedien zu instrumentalisieren, ja nicht schlecht. Die Chance, auch für zukünftige Fälle, wäre immerhin, dass der Bewegungsfreiraum etwaiger Täter massiv eingeschränkt würde und die Wahrscheinlichkeit einer Aufklärung stiege, weil ein nicht unerheblicher Teil der Bevölkerung Zugang zu relevanten Informationen (Bilder, Sachverhalte, Ermittlungsszenarien etc.) hat. Soweit so gut. Aus der Rubrik “Glamour oder was wir dafür halten” wissen wir aber zuverlässig, dass man von “Instrumentalisierung” hier nicht reden kann. Instrumentalisierung erfordert per definitionem “Steuerung” und wer würde widersprechen, wenn man feststellt, dass genau das gerade bei Medien nicht gegeben ist. Die leben von Awareness und die bekommt man am besten, in dem innerhalb eines bereits bekannten und für die Konsumenten interessanten Themenfeldes neue Informationen publiziert werden. Um diese Ausstrahlungswirkung zu erzielen, müssen die Medien quasi nach kurzer Zeit immer tiefer rein in so einen Fall. Das ist dann der Zeitpunkt, wo es ungemütlich wird, denn was die neue Information sein könnte, das kann niemand mehr steuern. Da wird es schnell persönlich und gleitet ab in den Bereich des Gossip (wer hat wo wann ohne Höschen welche Fotos und so weiter).

Dass eine solche Gemengelage auftreten würde -und warum sollte der Fall Maddie eine Ausnahme sein?- das war von anfang an klar. War das eine bewusste Entscheidung der Eltern? Vielleicht, immerhin geht es um ein Kind und ich kann mir vorstellen, dass man bereit ist, viel, vielleicht auch alles zu geben, um Gewissheit zu bekommen.


2) Wussten die McCanns, worauf sie sich mit der Öffentlichkeit einlassen?

Angenommen also, die Eltern wussten, dass ihr (Privat)Leben umgegraben würde, dass Ermittlungsdetails publik würden. Wussten Sie dann auch, wie es um ihren Ruf steht? In Großbritannien wie in Portugal wie in Deutschland gilt die Unschuldsvermutung. Es wäre aber ein fataler Fehler, anzunehmen, dass diese in der Öffentlichkeit bestand hat. Die Unschuldsvermutung ist ein formaljuristisches Konstrukt und ich beneide Richter nicht, die täglich all ihre Subjektivität -soweit möglich- zurückstellen, objektiv urteilen und im Zweifel zugunsten jemandes urteilen müssen, den sie nach Sachlage vielleicht für schuldig halten. Weder Medien noch Öffentlichkeit jedoch sind an eine Unschuldsvermutung gebunden. Hier geht es um Suggestion und Glauben, wie in der Kirche. Vorne steht jemand, der erzählt, was angeblich Phase ist, die Gemeinde nickt, murmelt ihr “Amen” und denkt sich ihren Teil.

Glaubt jemand an die Unschuld der McCanns? Oder anders herum: wer glaubt, dass sie mit dem Verschwinden (Tod?) ihrer Tochter etwas zu tun haben? Wenn die Eltern gewusst hätten -angenommen, sie seien unschuldig- dass die Medien aufgrund ihres Bedarfs an neuen Informationen immer tiefer in ihr Leben und den Fall eindringen würden, die Ergebnisse kolportierten und damit in der Öffentlichkeit eine Glaubens(!)frage stellen würden, die bei nicht 1000%iger Sachlage immer zu Zweifeln führen würden, hätten sie dann so handeln können? Welcher Fall ist schon widerspruchsfrei? Ich bin kein Experte, aber ich könnte mir vorstellen, dass bei solchen Fällen immer Dinge offenbar werden, die als Widersprüche wahrgenommen werden.

Fakt ist: niemand kann den Medien verbieten, Informationen zu publizieren, sofern sie der zunächst als objektiv eingeschätzten Wahrheit entsprechen. Niemand kann auch dem Rezipienten der Information verbieten, völlig frei zu interpretieren und eine Meinung offen oder hinter der Hand zu äußern. Die -von mir völlig subjektiv wahrgenommen- kippende Stimmung im Fall Maddie gegen die Eltern ist damit nur eine logische Folge einer gezielten Involvierung der Medien. Der Fall dauert schon zu lange, es gibt zu viele angebliche Ungereimtheiten, als dass eine stabile Mehrheit noch 100%ig von der Unschuld ausgehen würde. Und so werden denn auch die Überschriften kantiger, schärfer, anklagender.

3) War den Eltern klar, was dieser Fall für zukünftige Fälle, andere Opfer bedeutet?
Gesetzt den Fall, die McCann-Eltern seien unschuldig: ist das “Instrument Massenmedien” dann als erfolgreich einzustufen? Wiegen die Nachteile und der Verlust der Privatsphäre die Vorteile auf? Das wird sich zeigen, wenn der Fall -hoffentlich- aufgeklärt wird und die Wahrheit ans Licht kommt. Es wäre zu wünschen, denn vielleicht wäre das einmal *ein* Aspekt der Massenmedien, der sie wenigstens in einem kleinen Bereich von ihrem absteigenden Ast mit Blick auf gesellschaftliche Bedeutung und journalistische Qualität herunterholen könnte. Ein ganz neues Spielfeld sozusagen.

Gesetzt den Fall, die Eltern sind nicht unschuldig (und ich muss hinzufügen, dass auch ich mittlerweile Zweifel habe, ob sie unschuldig sind): was auch immer die Erklärung sein mag, wie unglücklich die Geschehnisse immer gewesen sein mögen und wie wenig die Medienkonsumenten die tatsächlichen Vorkommnisse werden beurteilen können, das “Instrument” wäre verbrannt, geopfert auf dem Altar einer Vertuschungsaktion um der eigenen Haut willen. Menschlich, aber für das zukünftige Potential vernichtend. Jeder, der es in Zukunft wagte, in einem ähnlichen Fall die Medien um Hilfe zu bitten, würde unweigerlich stigmatisiert in das Rennen gegen die Zeit einsteigen, ob unschuldig oder nicht. Der Glauben wäre es wieder, der zum Tragen käme, nicht -dann erst recht nicht- eine Unschuldsvermutung.

Es ist um anderer Opfer willen zu hoffen, dass der Fall restlos aufgeklärt wird, denn gerade eine Nicht-Aufklärung würde die Zweifel nicht beseitigen und darüber hinaus für alle Zeiten zu wildesten Spekulationen führen. Ein solcher Freispruch zweiter Klasse hätte bitteren Beigeschmack, denn der Fall bedarf 100%iger Aufklärung, um den Wunsch der Massen zu erfüllen: Glauben an ein Stückchen “heile Welt”.

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