2009 28. Jan

Leistung ist gerecht: die Spirale der Leistungsfeindlichkeit in Deutschland

Warum Leistung gerecht ist

Bei allem Schlamassel, den selbstherrliche bzw. selbstvergessene Banker über uns gebracht haben, darf man eines nicht ausser Acht lassen: der lustvoll zulangende Staat ist als Leistungserbringer auch nicht viel besser.

Ich war eben auf dem Bürgeramt. Zwei Blätter, je fünf beglaubige Kopien bitte. Ich habe sage und schreibe 37 Minuten an dem Schalter zugebracht. Der Prozess ist ganz einfach: (1) Originale nehmen, (2) kopieren, (3) für jedes Original in eine Computermaske einen Dokumentdamen eingeben und ausdrucken, (4) je ein Original und einen Ausdruck an der linken oberen Ecke umknicken, (5) die Blätter zusammentackern, (6) an drei Stellen stempeln und (7) an einer Stelle unterschreiben.

Danach (8) einige Klicks am PC durchführen und (9) als Zahlungsart bar oder EC-Karte auswählen, danach kommt der Zahlungsvorgang (10). Überschaubar, sollte man meinen.

Die gute Frau war freundlich, irgendwie sympathisch, aber brutal unfähig. Sie hat es geschafft, in diesen einfachen Prozess 7 Fehler einzubauen: 2x falsche Blätter zusammengetackert (je 2 gleiche Dokumente), einmal einen Ausdruck falsch herum angetackert, einmal einen Ausdruck nicht nach sondern vor das Original geheftet, einmal die Ecken nicht umgeknickt, falschen Preis für die Kopien berechnet, falsche Zahlungsart ausgewählt und noch einen Fehler, der dazu führte, den gesamten Zahlungsvorgang nochmals durchführen zu müssen.

32 EUR ist dafür ein stolzer Preis, ich frage mich, wofür ich eigentlich Steuern zahle. Selbst der völlig überzogene Zeitdauer des Prozesses würde noch zu einem Stundenlohn von rund 50 EUR führen, aber das ist ein anderes Thema. Die gesamte Zeit vor dem Schalter wusste ich nicht, ob ich jetzt schreien oder ruhig bleiben kann. Ich bin dann ruhig geblieben. Die Frau war vielleicht Mitte 50 und sitzt sicherlich schon seit 35 Jahren in dem Amt. Ich glaube nicht, dass sie per se unintelligent wäre, auch nicht unmotiviert, viel mehr hat ihre stupide Arbeit sie zu dem gemacht, was sie ist. Ich kenne das, ich war bei der Bundeswehr und ich habe im Schwimmbad gearbeitet – der Mensch passt sich meistens perfekt an, egal wie unterirdisch das Niveau ist.

Eine Gesellschaft funktioniert leider nicht ohne einen gehörigen Anteil an exekutiven Fließbandarbeitern. Wir beklagen uns zwar immer über die schlecht ausgebildeten Zuwanderer, ungebildete Deutsche, niedrige Studierenden-Quoten und zu wenig Qualifikation, aber wenn man mal ehrlich ist: die meisten Menschen könnten mehr, als sie tun. Sie dürfen aber nicht, weil eine relativ kleine Elite der gebildeten über 100% der Gestaltungsmöglichkeiten verfügt. Das Höhe des Gehalts und dessen Verteilung ist wahrscheinlich ein recht guter Indikator dafür: 10% herrschen, 90% sind mehr oder weniger Sklaven.

Die 90% werden gebraucht, damit die 10% gestalten können, wenn jeder gestalten könnte, dann bräche in diesem Lande alles zusammen. Deswegen sind Unternehmen hierarchisch und deswegen ist eine Armee darauf angewiesen, kritik- und initiativlose Individuen in ein System totaler Konditionierung zu integrieren, denn selbst denken und handeln wäre extrem kontraproduktiv mit Blick auf das große Ganze.

Ich glaube, dass (fast) jeder Mensch seine Umwelt gestalten will (Machtmotiv) und dass auch (fast) jeder dazu in mehr oder weniger großem Umfang in der Lage wäre. Wer allerdings in diese glückliche Position kommen wird, entscheidet sich insbesondere in Deutschland an formalen Kriterien: Schulnoten, Bildungsweg, soziale Prägung. Prinzipiell eine gerechte Sache: diejenigen, die die höchste Leistungsfähigkeit und / oder Ehrgeiz an den Tag legen, dürfen gestalten.

Leider wissen wir alle, dass gute Schulnoten, Bildungsweg und soziale Prägung wesentlich von unserem Elternhaus abhängen. Es gibt also eine naturgemäße Verzerrung aufgrund verschiedener sozialer Kontexte. Die Bemühungen, diese Einflüsse zu eliminieren sollten ruhig höher ausfallen und leider sitzen in vielen Gestaltungspositionen Menschen mit fragwürdiger Leistungs-Eignung. Aber grundsätzlich finde ich das System ok: formale Leistungsnachweise werden als Indikator für den Anspruch an Gestaltungsmöglichkeiten herangezogen.

Das ganze hat einen Haken: wenn schon beim Eintritt in die Uni selektiert wird, dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass eine Verzerrung stattfindet zu Gunsten bestimmter sozialer Gruppen, das ist überall so, wo Menschen aktiv sind und da kann man auch nichts machen. Gerecht wäre es, wenn jeder studieren könnte und in Semester X eine Prüfung bestehen oder einen Notendurchschnitt vorweisen müsste. Je mehr Selektion, desto ungerechter wird es also.

Aber statt die Verzerrungen durch soziale Kontexte zu eliminieren, werden sie durch Bologna noch verstärkt:

  • Es werden mehr Abschlüsse insgesamt vergeben, ohne dass die dahinter stehenden Leistungen konstant blieben, es werden also akademische Abschlüsse für weniger Leistung vergeben.
  • Die Differenzierungsfähigkeit der Abschlüsse wird eliminiert, de facto findet eine Leistungsverschleierung statt – man kann Abschlüsse einer FH und einer Uni nicht mehr oder kaum noch unterscheiden.

Was das bewirkt, kann man wunderbar in den USA beobachten: wenn eine Formalie, z.B. ein Uni-Abschluss seine Differenzierungsfähigkeit verliert (weil fast jeder einen hat), taugt er nicht mehr oder nur eingeschränkt als Indikator für die Leistungsfähigkeit. Die Eliten müssen dann notgedrungen diese Differenzierungsfähigkeit wiederherstellen und tun was? Genau, man schafft “Elite-Unis” (in Deutschland den USA nachgebaut durch die “Exzellenz-Initiative”) und setzt deren Abschluss als Voraussetzung für entsprechende Positionen aus, für die früher der “normale” Abschluss ausreichte.

Durch diese Trennung rein formal gleicher, aber in realiter unterschiedlicher Einrichtungen wird aber die soziale Segregation weiter erhöht, weil den Gesetzen des Marktes folgend die Plätze an den Elite-Unis begrenzt, die Nachfrage aber sehr hoch ist. Es wird also stärker als vorher selektiert und wie immer wenn Menschen involviert sind… naja, hatten wir eben ja schon.

Und solange nicht wenigstens (!) rein leistungsbezogene Kriterien für die Studentenauswahl angewendet werden, so lange findet eine soziale Diskriminierung statt. Ausserdem ist die Information über den Elite-Status und die Konsequenzen nicht gleich verteilt in den sozialen Schichten, davon mal ganz abgesehen.

Die USA versuchen wenigstens teilweise, diesen Effekt abzufangen: sehr gute Studenten bekommen Stipendien, die von den reichen Söhnchen und Töchterchen mit immensen Gebühren subventioniert werden. Bei uns: Fehlanzeige. In Deutschland wird also nur die Selektion forciert, ergo soziale Ungerechtigkeit und nicht die Leistungsgerechtigkeit.

Letztlich geht es um den Wettbewerb um Gestaltungsmöglichkeiten und da haben wir mal wieder einen Schritt zurück anstelle eines Schrittes nach vorn gemacht. Und was wir davon haben, das sind Heerschaaren von Frauen wie der am Schalter im Amt.

Das musste jetzt mal raus.

PS: Leider habe ich auch keine Vision, wie man dafür sorgen könnte, dass alle oder ein großer Teil von Menschen Gestalten können, ohne dass alles den Bach runtergeht :D

Share on TwitterSave on DeliciousShare via email