Freiwilliger Polizeidienst
Wir wohnen in einer Fußgängerzone. Das ist ab und an problematisch, wenn man mal sechs Getränkekisten im Auto hat oder Möbel anliefern lässt etc. pp. Man darf als Anlieger “einfahren” und zwar Montag bis Freitag von 9.00 bis 11.00 Uhr und Samstag von 7.00 Uhr bis 9.00 Uhr.
Nun, manchmal ist man mal ein bisschen Robin Hood, parkt seine Getränkekästen im Auto und erdreistet sich, z.B. Sonntags vorzufahren oder spät Nachts, wenn man aus dem Urlaub wiederkommt und das Gepäck abladen will. Bis jetzt habe ich damit nie Probleme gehabt, einige Male kam sogar das Ordnungsamt vorbei während dieser ordnungswidrigen Machenschaften, aber die hatten immer Verständnis und sind einfach weitergegangen. Wir sind zudem nicht die Einzigen, es gefährdet, behindert oder stört ja auch niemanden.
Neulich war verkaufsoffener Sonntag, wir hatten Wasserkästen im Auto und….nein, wollten gar nicht bis vor die Tür, sondern wollten nur in einem Wendehammer ca. 100m entfernt leere Getränkekisten einladen. Der Wendehammer ist zwar groß genug für diverse Haltemöglichkeiten (die immer, auch an jenem Sonntag, wahrgenommen werden für kurze Stops), ist jedoch mit einem Halteverbot belegt. Wir kommen also an, halten, machen den Kofferraum auf…und lernen den “Freiwilligen Polizeidienst” kennen.
Die Frauen herrschen meine Freundin und mich ohen Vorwarnung in einem Ton an, dass man denkt, dass die schon früher, viel früher Erfahrung mit sowas gesammelt haben. Nein, das ginge gar nicht, wir müssen weiter fahren, jetzt, gleich, so-fort. Das ging soweit, dass sie auf meine wirklich freundliche Anmerkung, dass unser Vorhaben hier doch ohne Gefahr oder Behinderung realisierbar sei, ohne Unschweife “Zwangsmaßnahmen” und Bußgeld angedroht haben (wobei mich interessierte, was Zwangsmaßnahmen in deren Verständnis sind und ob die das überhaupt dürfen). Kurzum, es half nichts, wir mussten das Feld räumen. Ich ging zu Fuß mit den Kästen hinter dem Auto her -die 4 Kästen, die ich schon trug durfte ich nichtmal einräumen (!)- und sah mir das Schauspiel nochmal an: die beiden Damen bewegten sich mit ihrem Batman-Gürtelgeraffel hektisch von einem Illegal-Halter zum nächsten und wiesen Alles und Jeden zurecht. Witzig auch, wie sie sich immer an ihren Multi-Tool-Gürtel griffen und ihre Freiwilliger-Polizeidienst-T-Shirts mit stolz geschwellter Brust vor sich her trugen. In unserem Wendehammer war noch nie so viel Action – und verständnisloses Kopfschütteln.
Ich habe mich danach gefragt, was das eigentlich ist, “freiwilliger Polizeidienst” und was das für Menschen anzieht, wie die motiviert sind. Um es kurz zusammenzufassen: der freiwillige Polizeidienst ist Ländersache. Die Eckpunkte:
- Die Mitarbeit beim freiwilligen Polizeidienst geschieht ehrenamtlich und stundenweise.
- Die Ausbildung der Kräfte erfolgt durch Beamte der Landespolizei und nimmt einen Zeitraum von 50 Stunden in Anspruch, abgeschlossen wird sie mit der Aushändigung einer Urkunde.
- Neben den Notwehrrechten stehen den Mitgliedern dabei noch einige Rechte zur Gefahrenabwehr nach dem hessischen Polizeirecht zu. Dazu zählen die Befragung, die Identitätsfeststellung und die Möglichkeit, einen Platzverweis auszusprechen.
- Die Mitarbeiter erhalten eine Aufwandsentschädigung von 7,00 Euro pro Stunde.
- Weiterhin muss der Bewerber gesundheitlich geeignet sein, für die freiheitlich-demokratische Grundordnung eintreten sowie einen Schulabschluss oder eine abgeschlossene Lehre besitzen. Zudem darf der Anwärter keinen Eintrag im polizeilichen Führungszeugnis besitzen und muss nach der Gesamtpersönlichkeit geeignet erscheinen.
(Quelle: wie o.g. Wikipedia)
Ich bin wirklich baff. Neben Hiwi-Jobs, z.B. der altbekannten “Politesse”, outsourcen die jetzt immer umfänglicher hoheitliche bzw. pseudo-hoheitliche Aufgaben? Ich meine, das hatten wir doch schonmal und es hat seinerzeit super funktioniert, weil die Motivationsstruktur und die Individuen, die ihr unterliegen, immer gleich sind.
7 EUR die Stunde alle Jubeljahre mal wird nicht der Motivator sein. Wer sich ehrenamtlich engagieren will, der wird schnell sinnvollere, regelmäßigere und anspruchsvollere Tätigkeiten finden. Was übrig bleibt, ist so traurig wie die Wahrheit dahinter, damals wie heute: es sind der Multi-Tool-Gürtel, das T-Shirt mit dem Wappen, dem Aufdruck und die Möglichkeit, endlich, endlich! mal mehr Macht auszuüben als über diese blöden Drehregler zwischen 0 und 250°C. Es gibt nämlich anscheinend nur freiwillige Polizeidienstinnen, mehrheitlich hektische Frauen zwischen 30 und 50 mit dem höchsten Bildungsabschluss “50 Stunden Polizeidienstschulung”. Schätzung über Verbalkompetenz ist schon eine feine Sache. Aber man muss sich das mal geben: ein Schulabschluss oder eine Berufsausbildung reichen aus? Das zieht, vorsichtig gesagt, nicht gerade diejenigen an, denen ich persönlich solche Aufgaben guten Gewissens übertragen wollen würde – denn das wären genau diejenigen, die das entweder gar nicht wollen oder sowieso irgendwo irgendwas zu sagen haben.
Und jetzt will ich wissen, welche Rechte zur Gefahrenabwehr nach dem hessischen Polizeirecht den Leuten zustehen und wer die zuständige Stelle ist, an die ich eine Beschwerde richten kann. Sonst schreibe ich einfach mal ans Polizeipräsidium.
Was mir dazu noch einfällt:
Edit: …mächtig sein und Statussymbole, davon träumen offenbar auch noch andere subalterne Behörden



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