2011 09. Jul

Ende des Twitter-Experiments

Irgendwann kommt der Zeitpunkt, an dem man sich eingestehen muss, dass etwas die eigenen Erwartungen nicht erfüllt hat. Und dann Konsequenzen zieht, denn sonst unterhält man irgendwann einen Rattenschwanz irrelevanter Peripherie, von der trotzdem noch jedes Stückchen etwas Zeit und Energie fordert.

Twitter ist ein Klassiker für sowas. Ich bin ein medienbegeisterter Mensch mit einem Hang zum Konservatisvismus in dem Bereich, sprich: das Tempo neuer Entwicklungen da ist mir viel zu hoch. Spiegelt sich auch in den abwerwitzigen Bewertungen dieser Unternehmen. Facebook 100 Mrd. USD? Lächerlich. Twitter 6 Mrd. USD? Schon eher, aber immer noch irre. Gut, vielleicht muss in dem Sektor die Innovation so schnell gehen und dann eben die 98,5%  sinnbefreiten Geschäftsmodelle den Bach runtergehen.

Persönlicher Mehrwert? Null.

Twitter hat vielversprechend angefangen und meine Erwartungshaltung war, dass man dort eine gewisse Vernetzung erreicht und dann -ähnlich wie die Timeline bei Facebook oder XING- Zugang zu interessanten Inhalten bekommt. Betonung auf „interessant“. Weit gefehlt (wie übrigens auch bei Facebook & Co.). Die meisten meiner Follower sind irgendwelche Web-Unternehmer oder Direktmarketing-Klitschen, die ihren irrelevanten Mist möglichst breit in den Äther streuen wollen und relativ wahllos über Bot-Programme Leute „followen“ und das wieder rückgängig machen, wenn man nicht „zurückfollowed“.

Twitter zerläuft sich einfach in viel zu hoher Frequenz und totaler Beliebigkeit. 140 Zeichen sind eben extrem unverbindlich. Ein wirkliches Geschäftsmodell oder sinnvolle Features hat Twitter im Laufe der Jahre auch nicht entwickelt. Das einzige Feature scheint aus ein paar hundert Promis zu bestehen, die über Millionen von Followern…genau, ihren irrelevanten Sermon verteilen, in Echtzeit. Ich kann auf Twitter nichts archivieren, nichts wiederfinden, was einmal jenseits der aktuellen Timeline ist…da ist nichts dabei, was sich „nutzen“ ließe.

Einfluss auf mein Blog? Nahe null.

Während im Zeitraum meiner Twitter-Aktivitäten mein Blog ca. 300k Visits hatte, kamen davon über Twitter…72 (in Worten: zweiundsiebzig), 27k über RSS, 21k über Direktaufrufe und der Rest über Suchmaschinen. Meine 220 Links aus 360 Tweets wurden in Summe 129 Mal angeklickt, davon entfallen allein 32 auf einen einzigen Link. Ich glaube, dass die Timeline niemand wirklich wahrnimmt. Schon ich mit meinen 150 gefollowten kriege zu 90% überhaupt nicht mit, was die rumtwittern. Was daran liegt, dass ich nicht ständig Twitter aufrufe oder eine App laufen habe. Stichproben zeigen zudem: 90% dieser Inhalte kenne ich sowieso schon über andere Kanäle und der Rest ist jetzt auch nicht kriegsentscheidend.

Umgekehrt hat mein Blog ganze 3 (drei) neue Follower inspiriert, mir zu folgen und ich wurde 5x retweetet. Hammer.

Selber schuld?

Vielleicht. Ich bin ein Mini-Mini-Nischenblog mit Themen, die für 98% der Leute da draußen irrelevant sind. Was mir mal herzlich egal ist, weil ich es aus Spaß an der Sache betreibe, und nicht um „Follower“, „Leser“ oder sonstwas abzugreifen. Wenn keiner hier lesen würde, schriebe ich trotzdem.Vielleicht liegt es daran, dass es mit Twitter und mir nix geworden ist. Aber ich prophezeie solchen Diensten trotzdem keine rosige Zukunft. Langsam ersticken die Menschen an Menge und Inhalt und ich beobachte nicht wenige, die sich zurückziehen und auf wenige, ausgewählte Dienste beschränken. Sogar Leute unter 20. Wenn ich dann höre, dass die ihr Geld demnächst mit Werbung und „gekauften Tweets“ verdienen wollen, würde ich schon aus dem Grund deren Aktien verkaufen.

Und jetzt?

Für mich bedeutet das: Twitter geht in den Standby-Modus. In Zukunft keine „aktiven“ Twitter-Posts mehr außer dem Push der Blog-Beiträge, followen kann man auf Twitter auch weiterhin, irgendwann in den nächsten Wochen fliegt dann noch das Widget aus der Sidebar. Ersetzt wird es durch meinen Linkstream aus Diigo, ein sinnvoller Dienst, den ich seit über 5 Jahren nutze. Manchmal sind die alten Gäule eben doch die besten.

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