2008 11. Sep

Die Metamorphose der deutschen Bankenkultur

oder: ein Nachruf auf die Dresdner Bank.

Ich begann meine Berufsausbildung bei der Dresdner Bank im September 1998, fast auf den Tag vor 10 Jahren. Das war die Gezeitenwende, zu der man die Möglichkeit hatte, zwei verschiedene Bankenwelten noch einmal live zu erleben und schließlich eine davon untergehen zu sehen.

“Die Beraterbank” stand und steht für eine dieser Welten – letztlich einer der Gründe für ihren Untergang. Sie war für einen Ausbildungsvertrag meine Wahl, weil mir der Personaler am glaubwürdigsten und sympathischsten erklärte, was das Ziel der Berufsausbildung sei -gleichzeitig damals das Selbstverständnis der Dresdner Bank: die bedarfsorientierte Kundenberatung.

Die Deutsche Bank war damals wie heute geprägt von legendärer Selbstsicherheit auf Seiten der Mitarbeiter und die einzige Bank, die meine Bewerbung ablehnte: in Mathe eine 3 war einfach nicht qualifiziert genug. Die Commerzbank war sowas wie die möchtgern-Deutsche Bank, konnte aber nur die Arroganz das Selbstverständnis der Mitarbeiter adäquat kopieren. Sparkassen waren damals noch echte öffentliche Einrichtungen und so öffentlich-rechtlich angehaucht, dass ich auch direkt als Kommunalbeamter am Schalter des Bürgeramtes hätte einsteigen können. Die HypoVereinsbank hatte ich nicht angeschrieben weil hey: mehr als vier Bewerbungen wollte ich mir erstmal nicht geben.

Wir lernten also: Zuhören, Bedarf analysieren, Zuhören, Zuhören, Zeit nehmen. Zudem lernten wir in überraschend hohem Maß die “alte Welt” bezüglich der Technik kennen: Post holen, Schließfächer managen, Geld am Schalter auszahlen. Der administrative Quatsch war mir schnell zuwider und ich legte wo ich nur konnte meinen Fokus auf die Beratung. Immerhin hatte ich deswegen bei der Dresdner angefangen. Und Beratung, hey, das war einfach. 1998, 1999, 2000. Die Börsenkurse explodierten, jeder Pennystock war irgendwann mal zig Mark / EUR wert, es war eine Euphorie, die fast alle unter 40-jährigen Mitarbeiter erfasste. Einige wenige Ältere mahnten zur Vorsicht. Das war der erste schöne Schein der “neuen Welt”, einer Welt voller Erträge, ohne Risiken, eine neue Weltordnung.

So it begins…

Das war die Zeit, in der die Banken begannen, sich dieser neuen, schönen Weltordnung gegenüber aufgeschlossener zu zeigen. Die Kreditleute mit der Krone der “Großen Kreditausbildung” -bis 2000 Bedingung und Garant für eine Filialleitung- bekamen Konkurrenz von der neuen Garde, den “WP CERTS” – zertifizierten Wertpapierberatern. Die einen standen für die alte Bankenwelt, langfristig planbare, sichere Erträge durch Zinszahlungen, Häuslebauer, Autofinanzierungen. Damit waren die deutschen Banken seit 1948 groß geworden. Die anderen, das war die neue Welt, die dynamische, explosive Ertragsmaschine namens “Börse”, der die Kreditler wenig entgegen zu setzen hatten.

Während alle anderen Banken mit Ausnahme der Sparkassen wie euphorisiert das Millenium als Schwelle zu einem neuen Weltzeitalter feierten, tat sich die Dresdner Bank von Anfang an schwerer damit als die anderen. Die Mitarbeiter waren und sind bis heute geprägt von einer für die globalisierte Wirtschaft nachteiligen Kultur: “das grüne Band der Sympathie”, “die Beraterbank”. Das waren konservative Statements und entsprechend schwer taten sich die Kollegen schon während der Euphorie bis März 2000, jeder Oma nur noch Biotech-Schrott zu verkaufen oder den neuesten Türkei-Aktienbasket. Das führte schon damals zu Problemen und mündete letztlich in Fusionsgespräche zwischen Deutscher und Dresdner Bank sowie später Commerzbank und Dresdner Bank. Die Dresdner war einfach nicht schnell genug ertragsstark genug. Man hatte zwar extra die Investmentbank Wasserstein Parella gekauft, die dann zur Dresdner Kleinwort Wasserstein wurde, aber gelöst haben die Investmentbanker die Probleme auch nicht. Letztlich haben Sie den Niedergang des Hauses zu großen Teilen zu verantworten, sorgten sie doch letztlich für zu hohe Abschreibungsverluste, die nicht mehr kompensierbar waren. Die Allianz bekam dann den Zuschlag, weil niemand die Dresdner haben wollte. Das war der Anfang vom Niedergang, denn das bedeutete: in Zukunft macht ihr Versicherungsvertrieb, aber das ist ein anderes Thema.

Das Lied des Niedergangs

  1. Die Unterwerfung unter das Joch internationaler Benchmarks bezüglich der EBIT-Marge (EBIT ist einfach gesagt der Gewinn eines Unternehmens vor Steuern und Zinszahlungen).
    Das war allerdings nicht nur Schuld der Banken, sondern es war einfach die Zeit, zu der sich internationales Kapital stärker als jemals zuvor nach Gewinnträchtigen Anlagemöglichkeiten auf der ganzen Welt machte, das erzwang teilweise hohe EBIT-Margen in der Höhe anderer Finanzhäuser, um nicht übernommen zu werden (wenn man im Vergleich wenig Rendite erwirtschaftet, wird man billig an der Börse). Allerdings hatte die “Deutschland AG” -ein Geflecht aus gegenseitigen Beteiligungen der großen deutschen Konzerne- schon seit Anfang der 90er dem internationalen Kapital getrotzt, weil man seine Anteile / Aktien eben nicht einfach an einen LoneStar, Fortress oder sonstige Investmentgesellschaften verkaufte, die nur auf Rendite aus sind (die sie meist durch die Kombination von Zerteilen und Verkaufen realisieren).
  2. Die Degradierung der meisten Kunden zu “Retail-Kunden”.
    Die Deutsche Bank machte es 2000 glaube ich vor und gliederte das Retail-Geschäft aus. Die Laufkunden. Das Massengeschäft. Menschen mit weniger als ca. 200.000 EUR Anlagevermögen (also Geld und Wertpapiere) Es hatte sich im Börsenboom nämlich gezeigt -oh Wunder- dass mit den “Private Clients” einfach mehr Geld zu machen war im Wertpapiergeschäft. Da wurde dann umgeschichtet bis es qualmte und bis 2000 war ja auch für beide Seiten alles wunderbar. Das hieß dann “Deutsche Bank 24″ und war ein so desaströses Experiment, dass man es 2005 ganz schnell wieder in die Deutsche Bank integrierte. Denn Massengeschäft hin oder her: diese kleinen Kunden brachten Stabilität in einen Erlösstrom, der bis 2003 so gut wie versiegte, weil die Börsen im Abwärtstaumel begriffen waren. Biotech war nicht mehr so der Hit. Also näherten sich die Erträge durch die “Großen Kunden” wieder denen der “Kleinen Kunden” an. Der Vertrauensverlust bei der Masse allerdings war enorm. Auch bei den Private Clients, denn die hatten meist beträchtliche Teile ihres Anlagevermögens bis 2003 verloren.
  3. Die Abschaffung des Beratungsprinzips.
    Die Berater der großen deutschen Kreditinstitute waren alle mehr oder weniger beratungsorientert. Dann kam der Margendruck und nicht nur das: es kam auch der Produktzwang. Eine Woche war Bausparwoche, dann kam die Total Return Superfund-Woche und danach die Zertifikat XY-Woche. Bis heute setzt sich eine Entwicklung fort, in deren Rahmen die Banken zunehmend detailliert und teilweise taggenau kontrolliert ihre Mitarbeiter anweisen, bestimmte Produkte zu verkaufen. Insbesondere das hat nicht nur die Gesprächs- und Kommunikationskultur zwischen Bank und Kunde dramatisch verändert, sondern auch die gefühlte Nähe der Kunden zur Bank auf nahe Null reduziert, und zwar von allen Kunden: die Retail-Kunden fühlten sich in die Ecke gestellt und mit violett beleuchteten Finanz-McDonalds-Einrichtungen abgespeist und die Private Clients waren einfach mit der Gesamtsituation unzufrieden -wegen ihrer Depots und so. Man konnte schon 2001 feststellen, dass das Grundvertrauen der Kunden in die Bank -ehemals eine meist lebenslange, monogame Bindung- zerrüttet war.
  4. Die Explosion des Produktportfolios.
    Die Banken reagierten hilflos auf eine drastisch zunehmende Kundenfluktuation (Kunden-Unzufriedenheit / Vertrauensverlust) und einen ungewohnten Wettbewerb – die neuen “Internet-Banken”, damals von einigen Leuten noch müde belächelt. Ein Preisgefüge, das jahrezehntelang fast unverändert Bestand hatte -Kontoführungsgebühren, Depotgebühren, Transaktionsgebühren- kam heftig ins Wanken. Man versuchte sich ganz nach anglo-amerikanischem Vorbild durch das einzig mögliche zu differenzieren: Leistung aus Leidenschaft. Also blies man sein Produktportfolio auf, die aufkommenden Zertifikate boten ungeahnte Individualisierungsmöglichkeiten auch im Retail-Bereich. Die Folge: niemand mehr -kein Finanzberater und auch keiner der Verantwortlichen hat einen umfassenden Überblick über die verschiedenen Produkte, insbesondere Zertifikate, und schon gar nicht über deren genaue Funktionsweise. Da gibt es Double-Barrier-Security-Retract-Total-Return-Secured-Zertifikate und was weiß ich, dazu fünfundzwanzig verschiedene Depot- und Kontenmodelle, fünf verschiedene Privatkreditarten mit jeweils sieben Tilgungsoptionen und zehn unterschiedliche Kreditkarten-Konstellationen. Vom Gebührenmodell ganz zu schweigen.
  5. Die Spekulationsgeschäfte.
    Wie wir alle wissen, hat die amerikanische Subprime-Krise auch deutsche Banken schwer gebeutelt, unter anderem die deutsche IKB-Bank, die dieses Jahr für insgesamt ca. 11 Mrd. EUR aus Steuermitteln gerettet wurde. Übrigens durch Verkauf an LoneStar, eine der prototypischen “Heuschrecken”. Die IKB befand sich zu einem Großteil im Besitz der staatlichen KfW, das war einmal dazu gedacht gewesen, die IKB als Finanzier des deutschen Mittelstandes vor ausländischen Investoren zu schützen. Stichwort “Deutschland AG”. Während bei der IKB schleierhaft bleibt, warum man durch riskante Geschäfte im Subprime-Segment hohe Profite erwirtschaften wollte, ist die Sachlage bei den Privatbanken klar: der schon erwähnte Margendruck trieb sie dazu, da die Entwicklungen am Privatkundenmarkt, ihre eigene Politik und auch die Situation an der Börse bis 2003 die Erträge aus diesen Bereichen start zurückgehen ließen. Das musste kompensiert werden und so investierte man eben auch in Subprime. Das ist in der Bankenwelt übrigens in etwa so, als wenn man im Supermarkt die abgelaufene Milch kauft in der Hoffnung, dass man sie noch trinken kann. Dass der Steuerzahler sich fragt, warum man eine private Bank mit Steuermilliarden retten muss, war auch nicht gerade eine vertrauensbildende Maßnahme für die deutschen Banken, wie überhaupt die gesamte Subprime-Krise.

    Sebstreferentielles Update
    Das hier belegt wenigstens diesen Punkt eindrucksvoll (2). Man muss sich das mal geben: Fannie Mae, der größte US-amerikanische Hypothekenfinanzierer ist pleite und wird vom Staat übernommen, Lehman Brothers, eine der renommiertesten Investmentbanken, ist pleite und Meryll Lynch, ebenfalls eine der renommiertesten Investmentbanken wird von der Bank of America übernommen – wahrscheinlich auch eine staatlich unterstützte Rettungsaktion, damit es nicht noch schlimmer kommt. Dieser Punkt ist also ein massiv internationales Problem.

Das Ende vom Lied

Maßgeblich getrieben von einer Internationalisierung des Geschäfts, eines massiven Ausbaus der Hedge-Geschäfte weltweit und der Investment-Aktivitäten diverser Investment-Giganten haben die deutschen Banken erst Bedarfsorientierung, dann verständliche Produkte über Bord geworfen und so einen Vertrauensverlust sonder gleichen produziert mit der Folge einer hohen Kundenfluktuation und de facto inexistenter Kundenbindung. Deswegen steht der Bankkunde heute vor einem unüber- und undurchschaubaren Produktangebot, welches ihm niemand mehr erklären kann. Er hat kein besonderes Vertrauensverhältnis mehr zu seiner Bank und mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Internet-Banking-Konto, über das er zunehmend mehr Geschäft selbst erledigt. Ob man nicht alles weiß, oder der Berater einem nicht alles sagen kann, ist letztlich eben egal. Außerdem ist er es leid, von “seiner” Bank wie von einem Callcenter für Staubsauger oder Katzenfutter regelmäßig genervt zu werden.

Der Kunde von morgen macht immer dann egal wo ein neues Konto auf, wenn es mal wieder eine “50-Cent-für-jeden-Kreditkartenumsatz”-Aktion irgendwo gibt oder eine “Finanzier’-dein-Auto-für-2%”-Woche. Die “Finanzberater” verdienen den Namen nur noch in den “Private-Client”-Bereichen, der Rest verkauft irgendwas, Versicherungen, Zertifikate, Bausparen, egal wie nutz- oder sinnlos, vielleicht in einigen Jahren auch Gartenmöbel und Hundefutter. (LOL. “10% auf alles außer Tiernahrung”)

Bei solch einer Massenproduktion sind sowohl in den Produktmanagement-Bereichen als auch in der Beratung weniger und vor allem weniger qualifizierte Kräfte erforderlich. Merkt man auch daran, dass immer mehr “Berater” Typ “Cooler Checker” in den Banken arbeiten, für die entsprechende Zielgruppe eben. Früher, als die noch die Sonderschule besuchten, kamen sie noch mit ihrem finanzierten 3er BMW vorgefahren um mal vorzurechnen, dass man 500 EUR Rate, Benzin, 200 EUR Handy und den Rest der Lebenshaltung problemlos von 600 EUR im Monat bestreiten kann. Das war lange vor Schuldnerberater Zwegat.

Die Fusion erst der HypoVereinsbank mit der UniCredit, dann der Dresdner und der Allianz, jetzt der Dresdner und der Commerzbank und seit neuestem der Deutschen mit der Postbank ist also nur konsequent. Zusammenlegen, verschlanken, rationalisieren, was sowieso kaum noch differenzierungsfähig ist. Deutschland hat noch immer eines der dichtesten und damit teuersten Bankfilialnetze der Welt, da war man immer sehr borniert, musste halt sein. Jetzt wird da mal aufgeräumt. Es kommt, wie es kommen musste.

Ich weine der Dresdner Bank keine Träne nach, sie war nur eine Hülle – aber ich verbinde einen Kern mit ihr, eine Kultur und die geht mit ihr unter. Irgendwie bin ich aber fast froh, dass ich niemals werde erleben müssen, wie ich in “meiner” Bank mit dem zu erwartenden Ramsch von irgendwelchen Hirnis überschüttet werde. Besser ein gutes Andenken als ein Schlechtes.

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