2006 21. Aug

Blogs und die Medien

Sie bezeichnen sich als Blogger. Anders als die Millionen von namenlosen Freizeitautoren, deren ungestillter Mitteilungsdrang sich auf tagebuchartige Beobachtungen beschränkt, sind sie geschickte Agitprop-Künstler und Nachrichtendienstler, die im Massenmedium Internet eine enorme Breitenwirkung entfalten.
Quelle: FAZ

Aha. Blogger sind also nicht-namenlose Freizeitautoren, sondern geschickte Nachrichtendienstler, die eine enorme Bandbreitenwirkung entfalten?! Soso. Warum produzieren Massenmedien nur Stuss, wenn es um Blogs und „Web 2.0“ geht? Ganz einfach, weil sie sich nicht auskennen, de nihilo nihil. Sie können sich gerade mal durch Google klicken und n verschiedene Meinungen zu einer (ihrer eigenen) vermengen. Wenn sie wüssten, was Blogs ausmacht, dann käme da nicht so ein Quark raus.

1) Blogger SIND genau diese namenlosen Schreiberlinge.
Klar, dass die Journallie sich bedroht fühlt und sie ständig als selbstdarstellungsgeile Niemande darstellt. Liebe Journalisten, Blogger sind die Masse, eine Art Kollektiv, falls euch das was sagt. Genau daraus entsteht ihre Unberechenbarkeit ebenso wie ihre „Macht“. Bei Jens Scholz ist dieser kollektive Charakter schön auf den Punkt gebracht mit einem Button auf der rechten Seite. (LINK)

2) Blogger sind deswegen unberechenbar, weil eben NICHT prognostiziert werden kann, welches Thema sie als nächstes angehen und in die Breite tragen.
Ebenso wenig kann gesagt werden, auf welche neuen Quellen Blogger zugreifen können und werden. Generell besteht die Blogosphäre aus einem Grundrauschen und Peaks. Das Grundrauschen sind die zahllosen „tagebuchartige Beobachtungen“, die Peaks sind Themen von besonderem Interesse, die von anderen Blogs aufgegriffen, teils wiederholt, aber auch ergänzt werden und damit die „enorme Bandbreitenwirkung“ entfalten. Je mehr Blogs ein bestimmtes Thema aufgreifen und weiterverarbeiten, desto eher wird daraus der mediale Tsunami, vor dem ihr euch so fürchtet.

Das Grundrauschen ist also notwendig, um eine Quelle zu haben, aus der in einem darwinistischen Prozess bestimmte Themen selektiert und durch Vervielfältigung und Ergänzung Peaks erzeugt werden.

3) Der komparative Konkurrenzvorteil der Blogger ist der, dass sie sich untereinander tendenziell stärker vertrauen als euch, liebe Massenmedien.
Großer Erfolg einzelner Blogger mündet oft in Vertrauensverlust der Community, da diese exponierten Blogger mittlerweile erfolgreich von Unternehmen und den Massenmedien -also euch- abgeworben werden. Damit verlieren sie einen Großteil ihrer Reputation, die „Street Credibility“ sozusagen.

Der größte Witz an der Sache: ihr Massenmedien bastelt fleissig mit an den Tsunamis, weil euch die Ideen ausgehen und das „Grundrauschen“ der Blogs eine tolle Quelle bietet.
Ihr sollt ja Leser generieren durch hippe, neue, einzigartige Themen. Ihr wartet also auf Peaks, die sich aus dem grundrauschen abzuzeichnen beginnen und dann…ZAPP…landen die ersten Artikel bei euch in den Massenmedien. Wahrscheinlich feiert ihr euch für eure immense Kreativität, aber letztlich schreibt ihr nur ab. Google deutet es mit dem Trefferrang schon an. Ihr mutiert langsam zu Technorati-Lutschern. Traurig, aber wahr.

Was sagt uns das über Blogger im Allgemeinen und den Helden Bob Adams?
Richtig, der nächste Bob Adams kommt bestimmt, wird aber anders heißen. Der Typ wird zurückkehren ins Grundrauschen und nie wiederkommen. Er weiß das, ihr nicht. Vielleicht seid ihr so dämlich, den Mann einzustellen, um eure traurigen Blog-Mitläuferversuche zu pushen. Es wird nicht klappen, er ist dann einer von euch und wird nicht mehr beachtet werden. Man erkennt: Peaks sind gefährlich für ihre Protagonisten. Wer clever ist, kehrt ins Grundrauschen zurück, bleibt unabhängig und wird es u.U. trotzdem schwer haben, das glaubhaft zu machen.

Übrigens: wenn 5.000 Views bei YouTube für euch eine „enorme Bandbreitenwirkung“ darstellen, dann steht ihr in eurem verzweifelten Kampf um Beachtung anscheinend noch schlechter da, als angenommen. Schaut euch mal das hier an, sogar Rentner bekommen mittlerweile mehr Aufmerksamkeit als ihr.

Schon deprimierend, festzustellen, dass Blogger immer häufiger die besseren Journalisten UND Trendsetter sind, oder?!

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