300 – im Nahen Osten nichts Neues
Wie beginnt man eine Rezension über einen Film, der aufgrund seiner Bildgewalt im Storyboard dermaßen ausgedünnt wurde, dass man darüber kaum schreiben kann? Ich versuche es trotzdem:
Wortkarger optischer Leckerbissen mit ausgeprägtem Selbstdarstellungstrieb als Repräsentant des freien Westens zieht mit 300 hörigen Freunden los, um einem selbstgerechten Egomanen mit deutlich schwuchteligem Image als Repräsentanten des Nahen Ostens zu zeigen, dass er den Bogen überspannt hat.
Wer Details mag, der liest im Teasing-Feature weiter
Wie alles begann…
Alles beginnt Pi mal Daumen 438 v. Chr. in Sparta. Leonidas, der zukünftige König von Sparta aus der Herrscherclan der Agiaden wird geboren. Wie jeder Neugeborene Junge wird er auf Herz und Nieren geprüft, bevor sein Überleben genehmigt wird. Die Szene könnte ohne Änderungen den feuchten Träumen eines jeden Faschisten entstammen. Überhaupt sind die Spartaner nicht besonders zimperlich und es ist ein Wunder, dass sie sich überhaupt vermehren können, wenn man die Prüfungen bedenkt, die ihre Jünglinge durchlaufen müssen. (Wie das doch funktionieren kann, führen an späterer Stelle Leonidas und seine Gespielin Königin eindrucksvoll vor). Wenn sie genug Prüfungen über sich haben ergehen lassen und damit zu Super-Kriegern geworden sind, dann werden sie Spartiaten, vollwertige Mitglieder der Gesellschaft – und arbeitslos, es sei denn, es gibt Krieg. Erinnert irgendwie an die Generation Praktikum. Jedenfalls sind die Jungs als Soldaten so geil, dass Rüstungen überflüssig sind. Helme, Schilde und rote Umhänge sowie Lederslips reichen ja auch.
Glücklicherweise naht eine gigantische Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für die unterforderten Recken in Form von Xerxes, dem Groß-Gott-König Persiens mit seiner Multi-Milliarden-Mann Armee. Gegen die Einwendungen einiger aussätziger Abknicker-Priester (wahrscheinlich als Repräsentanten Mitteleuropas) beschließt Leonidas mit 300 Männern nach Norden zu ziehen, um den Feind aufzuhalten und er hat einen gewagten Plan: er will “die Mauer von [keine Ahnung mehr]” wieder aufbauen, um das Heer der Perser in die Thermopylen zu zwingen, eine enge Schlucht. Damit die Zielgruppe auch ganz sicher versteht, welchen Sinn das hat, wird sicherlich zehn mal erwähnt, dass “die Übermacht der Perser dort bedeutungslos” ist. Viele Leute, kleine Fläche und so weiter, heutzutage ist das aber offensichtlich nicht mehr allen einleuchtend.
Bevor es in den Kampf geht, wird die Königin nochmal so richtig…also…naja, als ob es kein Morgen mehr gäbe. Hier denkt man das erste Mal, dass die “300″ sich ggf. auf das Stellungsrepertoire von Leonidas beziehen. Wie auch immer, jedenfalls weiß man jetzt, wo die Spartaner ihren Nachschub an Spartiaten herbekommen.
…auf dem Schlachtfeld fortgeführt wird…
Jedenfalls ist die mächtige Mauer eher ein Mäuerchen, das die Spartaner zuerst liebevoll wieder aufbauen und dabei einige persische Leichen reindrappieren. Anders lässt sich auch nicht erklären, warum die Perser das kleine Teil nicht einfach abreissen.
Der Mittelteil ist schnell erzählt: Xerxes schickt ein, zwei Unterhändler, die jedesmal Gnade bzw. Lehnsmannschaft anbieten und beide -natürlich- auf spektakuläre Weise sterben müssen. Dazwischen: immer mal wieder vereinzelte Auftritte verschiedener Völker aus den “thousand nations of the Persian Empire”. Jedes davon hat eine Spezialwaffe -Elefanten, Handgranaten, Elite-Soldaten mit Masken, whatever- die aber alle wirkungslos bleiben und einfach nur unspekatkulär den Untergang ihrer Besitzer begleiten. Man könnte sie in ihrem blinden Gehorsam und der Konstanz ihres sinnlosen Sturmlaufes durchaus mit Selbstmordattentätern vergleichen.
Erster Auftritt Xerxes. Ein etwas schwuchteliger Semi-Farbiger mit jeder Menge Piercings und Schmuck, ein Punk der Antike und damit Erzfeindbild jedes Faschos…ähm…Spartaners. Wieder ein Angebot, wieder eine Abfuhr von Leonidas und weiter gehts mit dem Gemetzel. Bis zur 80. Minute sterben vielleicht drei oder vier der tapferen 300.
…in Sparta politisch besiegelt…
Währendessen will die Königin vor dem spartanischen Rat sprechen, um diesen dazu zu bewegen, doch noch eine Armee zur Verstärkung ihres Mannes zu schicken. Dafür lässt sie sich ohne großen Aufhebens von einem Ratsmitglied nageln, welches einen Auftritt im Senat organisieren kann. Besser einer als keiner, die nächste Spartiaten-Generation will produziert sein. Dummerweise ist dieser Typ auch noch von den Persern geschmiert und zerschießt ihre Argumentation vor versammelter Mannschaft. Echt clever, so hat er alles gehabt
Naja, was macht aber so eine hintergangener Spartiatin: sie tötet ihn – auch vor versammelter Mannschaft. Das ist Gerechtigkeit live.
…und auf dem Schlachtfeld heroisch beendet.
Dann geht in der Schlacht alles recht schnell. Mal wieder kommt Xerxes vorbei, diesmal siegessicher, weil ein degenerierter, behinderter Spion die Spartaner verraten hat. Leonidas will aber immer noch nicht aufgeben und schafft innerhalb von drei Minuten Gewaltiges:
1) Er lässt seine 300 Helden als eine Kugel aus Schilden antreten, die vielleicht 5m Durchmesser hat. Hut ab.
2) Um den vorgeschickten Unterhändler des Königs zu töten (normalerweise klappt das mit einem Lanzenstich oder Schwertstreich) opfert er für einen besonders spektakulären Abgang 7, 8 Männer. Dann versucht er sogar, Xerxes selbst zu töten (was schiefgeht) und opfert für diesen whimpigen Versuch alle weiteren der 300 inklusive seiner selbst.
Jetzt fragt man sich: sind das dieselben 300, die vorher tagelang gegen tausende anstürmende Soldaten, Elefanten, Bogenschützen etc. standgehalten haben? Die kaum Verluste erlitten? Ja, sie sind es, und sie folgen ihrem Obermacker genauso tumb in den Tod wie sonst überall hin. Finales Statement eines Kollegen: “Eine Ehre, neben dir zu sterben!” Dann darf the big L. nochmal aufstehen, um sich gebührlich individuell abmurksen zu lassen.
Der Film endet dann mit der Einleitung der Schlacht bei Platäa, in der die Perser vernichtend geschlagen und aus Griechenland vertrieben wurden. Hier schaffen es die SpecialFX-Experten nochmal, die 40.000 Griechen, die dort tatsächlich antraten, in gefühlte und dargestellte 10 Millionen zu verwandeln. Keine Übertreibung.
Fazit
Warum dieser Teaser? Weil es alles vorhersehbar ist, wenn man den Trailer gesehen hat. Genau genommen kennt man den Film dann. Die Dialoge sind nicht der Rede wert und die Rahmenhandlung auf ein Minimum reduziert. Die Bilder sind zugegebener Maßen opulent, dafür ist eine Story so gut wie inexistent. Der Unterhaltungswert stimmt daher bei niedrigstem Anspruchsniveau. Eine eindeutige Empfehlung für langweilige Abende oder als Anti-Agressionstherapie nach Feierabend. Labil veranlagten Persönlichkeiten und Angehörigen der Bundeswehr sollte man den Film nicht zeigen, da evtl. heroische Vorbildfunktionen aktiviert werden und normale Menschen plötzlich mit nacktem Oberkörper zur Arbeit gehen oder in Afghanistan unsere Tornados mit bunten Blinklichtern ihre Nachteinsätze fliegen – wenn sie denn da unten überhaupt ankommen. Aber zumindest mit Mauern bauen müsste ein Teil ja Erfahrung haben


